Cold Case Rongorongo mit neuer Spur.
 
Michael H. Dietrich

 
 
Die drei Stufen jeder Sammlung sind: anlegen – besitzen – veräußern. Wenn eine bedeutende Sammlung den Besitzer wechselt, schafft es bereits oft nur diese Absicht als weltweite Meldung aus den Redaktionen der Medien in die Tagesaktualität zu kommen. Eines der großen Auktionshäuser liegt mit seiner Schätzung – wie meistens – weit unter dem, was der Auktionator letzten Endes vom neuen Besitzer der Sammlung erzielt.
 
Aus meiner Sicht gibt es auch nur drei Formen von Sammlungen:
 
1. Solche, die es wirklich gibt, die wissenschaftlich bearbeitet wurden, längst in der einschlägigen Literatur abgehandelt und bestens dokumentiert sind.
 
2. Vorhanden gewesene, aber verschollene Sammlungen - und das aus verschiedenen Gründen. Sie sind deshalb so interessant, weil ihre Wiederbeschaffung oft reich belohnt wird und dem Finder Ruhm und Anerkennung garantiert.
 
3. Solche Sammlungen, die es niemals gab, die reine Fantastereien sind, tradiert seit Jahrhunderten, mit ständigem Zuwachs an Menge und Wert. Sie sind das Produkt von Spinnern und Fantasten, sie sind mythologische Chimären, unwirklich, unwahr – aber hoch gehandelte Spekulationen.
 
. . . so groß, dass hundert Lastwägen ihn nicht tragen könnten.
 
Womit nun die weltweit bekannteste Sammlung von Gold und Edelsteinen angesprochen ist, die man allgemein unter dem „Nibelungenschatz“ kennt. Zum Glück  glauben manche Glücksritter zu wissen, wo die Klunker und Klumpen liegen, nämlich im Rhein. „Suchet – so werdet ihr finden“ hat sich leider für den Nibelungenschatz noch nicht bewahrheitet. Weitersuchen!
 
Sammlungen bewahren Schätze. Was denn sonst? Diese haben einen materiellen und einen ideellen Wert, manche darüber hinaus auch einen wissenschaftlichen. Und ein solcher wird nun der Einstieg in das Thema. In der Osterinsel- und speziell in der Rongorongo-Forschung soll  es einen Schatz geben, den die einen in die zweite Kategorie meiner Spezifizierung stellen, andere zweifelsfrei in die dritte.
Und da haben wir das Problem: gab es die Sammlung des englischen Schiffsarztes Linton Palmer mit Rongorongo-Tafeln oder hat es sie niemals gegeben? Zeugen und Schriftstücke wurden gefunden für die eine wie die andere Behauptung. Aber wer sagte die Wahrheit?
Auch für die gestohlenen Schätze der Osterinsel gibt es sehr reiche Sammler und dementsprechend auch namhafte Sammlungen. Auch für Objekte von der Osterinsel gilt, dass die Pessimisten im Unrecht sind mit ihrer Behauptung: . . . für immer verloren. Am 27.Oktober 1961 erhielt der deutsche Rongorongo-Forscher Thomas Barthel einen Brief von dem Osterinselforscher Alfred Métraux, der ihm eine „große Neuigkeit“ ankündigte. 
Es war die in der Forschung inzwischen bekannte „Snuffbox“, die im Musée de l’Homme in Paris verwahrt wird. Immerhin sind ca. 90 Zeichen gut zu erkennen, die zweifelsfrei als authentisch von allen Fachleuten beurteilt wurden.
Glauben wir dem Entdecker von Rongorongo, Eugen Eyraud, so sah er 1864 in  „allen Hütten Stäbe und Tafeln mit seltsamen Hieroglyphen bedeckt“. Die Angabe von Eyraud „in allen Hütten“ kann ungenauer nicht sein. Bezüglich der Rongorongo-Artefakte benutzte der Laienbruder den Plural. Natürlich müssen wir wissen, welche Anzahl an Hütten es um 1864 auf der Osterinsel gab. Alle späteren Angaben sind unzutreffend. In einem Brief an seine Frau, datiert Dezember 1868, schrieb Palmer:
“I did not count the number of the houses, but think there must be more than a hundred.“ (Journal of the Ethnological Society, London 1870). Das ist der einzige Hinweis darauf, wie viele Hütten es um 1864 zum Zeitpunkt von Eyraud auf der Osterinsel gab.
 
Die auf Eyraud folgenden Missionare haben niemals von den Osterinsulanern verlangt, die Objekte zu verbrennen. Ganz im Gegenteil, sie baten darum, ihnen alles zum Tausch gegen Bekleidung und anderes anzubieten, was sich noch im Besitz einzelner Personen oder Familien befand. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde Rapanui viel öfter von Walfängern auf dem Weg ins Südpolarmeer angelaufen, auch von Handelsschiffen, als jemals vermutet. Kaum ein Besucher der Osterinsel ging ohne Souvenir, wie wir es heute bezeichnen würden, wieder an Bord seines Schiffes. Es muss hunderte solcher eingetauschten, gestohlenen, gekauften oder anderweitig in legalen oder illegalen Besitz gelangten Artefakte von der Osterinsel geben – aber selbstverständlich nicht nur Rongorongo-Tafeln. Was ist in Schuhkartons und Ölpapier verpackt in Kellern und auf Dachböden von Völkerkunde-Museen noch zu finden? Nicht einmal wissenschaftliche Mitarbeiter dieser Institute wissen etwas mit dem Begriff „Rongorongo“ anzufangen, wie ich es aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Wie viele solcher Artefakte befinden sich noch immer in Privatbesitz bei Leuten, die nichts damit anfangen können, die nicht wissen, welchen Schatz sie besitzen?
 
Ich bezweifel den Wahrheitsgehalt der Angaben von Osterinsulanern zur vermeintlichen Osterinselschrift. Es gab keinen Hinweis auf Rongorongo-Schulen vor 1914, erst als die Engländerin Routledge diesen und mannigfaltigen anderen ausgedachten Unsinn protokolierte, gab es Schulen und Schriftgelehrte in Kompaniestärke. Ich bezweifel, dass Eyraud in über 100 Hütten nach Rongorongo-Tafeln fragte oder suchte. Die Angaben bei Fischer, dass es tausende gewesen sein müssen, ist unbelegbar und eine reine Zwecklüge. Kein einziger Osterinsulaner auf Rapanui oder einer anderen Insel in Polynesien konnte auch nur ein einziges Zeichen zutreffend erklären. Rongorongo als Osterinselschrift zu bezeichnen ist der größte Irrtum in der Kulturgeschichte der Menschheit. Und es gibt mehr Menschen, die daran glauben und nichts hören oder lesen möchten, das diesen Glauben widerlegt, als solche, die den Zweifel zulassen, um nach der Wahrheit zu suchen.

Wir wissen, dass Rongorongo-Tafeln verbrannt wurden - um damit Speisen zu garen. Gut belegt ist die Begebenheit von einem Mann auf der Osterinsel, der mehrere Rongorongo-Tafeln ins Feuer warf, weil er in ihnen die Schuld erkannte für den Tod seiner Frau und Kinder – keinesfalls konnte er eine Verbindung erkennen zwischen der damals eingeschleppten Epidemie der Pocken auf Rapanui zu seinem Schicksalsschlag.
Dem deutschen Missionar Gaspard Zumbohm wurde Anfang 1870 eine gut erhaltene Tafel angeboten, deren Maße er beschrieb mit ca. 1,5 Meter in der Länge und ca. 40 cm in der Breite. Zumbohn wurde handelseinig, diese monumentale Tafel einzutauschen  gegen einige Bekleidungsstücke.
Man einigte sich darauf, den Tausch in der Hütte des Missionars zu vollziehen. Der Osterinsulaner versetzte den Missionar und als dieser den Mann zufällig traf und nach der Tafel fragte, über deren Tausch man sich doch einigte,  bekam er die lapidare Antwort, dass der Mann die Tafel nicht mehr in seinem Besitz hatte, er aber auch nicht bereit war, Zumbohm zu erklären, was damit geschehen ist. Der Missionar fand heraus, dass der Besitzer die Tafel verbrannt hatte. Davon gibt es mehr als vermutet Geschichten, die den Rückschluss nahelegen, dass für die Menschen auf der Osterinsel die Rongorongo-Tafeln und Stäbe ohne die geringste Bedeutung und ohne den geringsten Wert waren. Nutzloses wirft man ins Feuer, dann hat man wenigstens den Nutzen von Wärme und gekochten Speisen.

Wenn überhaupt, liest man in der wissenschaftlichen und populären Literatur solche Begebenheiten allenfalls in den 6 Punkt Fußnoten oder ganz hinten unter den „notes“. In der Regel werden insbesondere in wissenschaftlichen Arbeiten über Rongorongo solche Tatsachen verschwiegen. Lediglich die 50 Jahre nach der Entdeckung der vermeintlichen Osterinselschrift notierten „Fantasien“ einiger Osterinsulaner werden in der Forschung zitiert, analysiert, bewertet, interpretiert und „esoterisiert“ (gibt es das Wort?), dass es jedem vernunftbegabten Menschen kalt über den Rücken läuft.
 
Es ist das große Verdienst von Steven Roger Fischer, der wahrscheinlich lückenlos alle historischen Geschichten um Rongorongo akribisch zusammensuchte. Was er herausfand, war für seine Theorie nicht immer zuträglich. Deshalb bemühte er sich so gut, wie nur möglich, in den 714 Seiten seines Buches solche Fakten zu verstecken oder mit 6 Punkt Typografie das Lesen und Auffinden dieser notes so zu erschweren, dass man es lieber lässt.
Fußnoten, Anmerkungen, Kleingedrucktes, Änderung der Typografie – es gibt zahlreiche und sehr bewährte Methoden, den Lesefluss zu stören, um eigene Absichten zu verfolgen. Dirty tricks gibt es in der Kunst und der Wissenschaft. Man spricht nicht darüber, man wendet sie an.
 
Die ständige Polemik von Fischer, alles das, was gegen die haltlose Theorie von  „Schrift“ spricht, zu relativieren oder so zu kommentieren, dass die Quellen bisher falsch verstanden wurden oder die alten Informationen gegen neuere auszutauschen sind, ist nichts anderes als ein wirklich trauriges Kapitel in der Rongorongo-Forschung. Fischer bedient die alten Vorurteile „Schrift“ vorzüglich und ist erkennbar vom ersten bis zum letzten Buchstaben seines Buches von allen diesen Vorurteilen überzeugt. Über die Rongorongo-Forscher Croft, Harrison und Palmer brauchte Fischer 31 notes auf 5 Seiten im Kleingedruckten. Hätte der Wissenschaftler diese Texte, für die es nur einen einzigen Grund gibt, sie ans Ende seines Buches zu verbannen, im laufenden Text verarbeitet, wäre ein anderes Bild für den Leser entstanden. Aber dann entstünden genau solche Fragen und Vorstellungen, die Fischer für seine Theorien vermeiden möchte. Für alle notes brauchte er 101 Seiten, um 1012 solcher Anmerkungen vorzutragen. 

In jedem Jahr kommen verloren geglaubte Kunstschätze wieder ins Licht. Es gibt für mich ohne den geringsten Zweifel noch Rongorongo-Objekte, die eines Tages auftauchen, um dann für Millionen Dollar ersteigert, sofort wieder abtauchen, weil sie als Kapitalanlage gekauft und nicht für Forschung erworben wurden. (Das ist aber nur meine pessimistische Einschätzung).
 
Der Schiffsarzt John Linton Palmer war übrigens in seiner zweiten Berufung ein ganz hervorragender Maler, dessen maritime Aquarelle in britischen Museen verwahrt werden. Dass ein Künstler 1868 auf Rapanui Kunstwerke erstand, ist sehr gut vorstellbar. Es ist nicht vorstellbar, dass zu dieser Zeit ein europäischer Arzt als Wissenschaftler und Künstler mit leeren Händen von der Osterinsel nach Hause kam. Aber zu der Zeit hätte Palmer auch woanders Rongorongo-Tafeln kaufen können. Dafür hätte er nicht einmal um die halbe Welt segeln müssen, sondern nur auf einem Spaziergang bei den alten Londoner Docks in einen der Antiquitätenläden einkehren müssen. Im Jahr 1900 machte das der Lehrer Ormonde Maddock Dalton und erwarb das Objekt, das wir heute unter der Bezeichnung „London Tablet“ in der Rongorongo-Forschung kennen. Thomas Barthel hielt es für möglich, dass dieses Objekt einst zur ominösen Sammlung Palmer gehörte.
 
 (Ich kam 1972 mit ca. 50 erworbenen Objekten nach meinem Aufenthalt auf der Osterinsel zurück. Der Zollbeamte auf dem Frankfurter Flughafen musste überzeugt werden, dass meine Stücke wertloser Plunder sind, Airport-Art war als Begriff noch nicht erfunden, und ich nach Zahlung von DM 150,- Zollgebühren passieren durfte. Den wahren Wert der Sammlung konnte ich nicht angeben, sonst . . .).
 
Die alles entscheidende Frage lautet: gab es wirklich  Rongorongo-Tafeln im Besitz von Palmer  oder waren sie nur eine Erfindung?
Alles, was wir über die Sammlung Palmer wissen, hat Fischer eruiert – und natürlich auch kommentiert:
 
RONGORONGO
THE EASTER ISLAND SCRIPT
History, Traditions, Texts
Clarendon Press – Oxford 1997
 
 Zwischen den Seiten 65 bis 69 seines Buches katalogisiert Fischer, was über die Sammlung Palmer bekannt geworden ist. Aus der Personalakte Palmers, die verwahrt wird im „Royal Museum Greenwich“, geht hervor, das der Schiffsarzt Palmer bereits 1852 und möglicherweise auch noch 1853 mit der HMS Portland zur Osterinsel kam, er aber offensichtlich nicht an Land ging. Das tat er dann während  seines Aufenthaltes auf Rapanui im Jahr 1868.
 
On 24th January 1866, he was commissioned as surgeon on HMS TOPAZE under Commodore 2nd Class Richard A. Powell. The TOPAZE voyaged to Easter Island among other destinations and it is here that he painted many watercolours and produced sketches of the topography of the island, the stone statues and some of the chiefs resident on the island at the time.
 
(Aufzeichnung des Royal Museum Greenwich, publiziert im internet 1981)


Der vom Dezember 1868 datierte Brief, der hier bereits zitiert wurde, beschreibt seine Erlebnisse auf der Osterinsel. Dieser Brief  erschien dann 1870 unter dem Titel: Observations on the Inhabitants and Antiquities of Easter Island“ in dem hier genannten Journal.
Bis zum 20 November 1916 gab es keinen Zweifel an der Existenz der Sammlung Palmer. Der damalige Direktor des Museums in Liverpool, Dr. H.O. Forbes,  beschrieb, dass ihm persönlich die Sammlung Palmer von dessen Familie angeboten wurde. Seine Geldgeber konnten sich aber nicht entschließen, von einem derart uninteressanten Ort wie die Osterinsel, Artefakte anzukaufen. Forbes hat mehrfach ausgesagt, die Rongorongo-Tafeln von Palmer persönlich in Augenschein genommen zu haben. Es war dann Palmers Witwe, die vehement eine Sammlung ihres Mannes von Osterinsel Artefakten bestritt. Korrespondenz ging hin und her, Aussage stand gegen Aussage  und am Ende wusste in diesem Hickhack niemand mehr, was stimmte und was nicht stimmte.
 
Eine Sammlung ist keine Glaubensfrage, es gibt sie oder es gibt sie nicht. Basta. Thomas Barthel war überzeugt davon, dass die Sammlung Palmer in England aufzutreiben sein muss. Bis auf den heutigen Tag ist jedenfalls kein einziges Exponat im internationalen Kunsthandel angeboten worden das man dieser Sammlung hätte zuordnen können.
 
Es gibt aber in der alten Literatur einen Hinweis auf eine Rongorongo-Tafel, die der sehr akribisch arbeitende Fischer mit keinem Wort in seinem Buch erwähnt, wohl aber die Quelle. Immerhin ist dieser Hinweis fast 50 Jahre früher publiziert worden, als die ganze Korrespondenz im Zusammenhang mit der Palmer Sammlung



Das Buch datiert auf 1873, aber das Vorwort von Christmann für den ersten Teil über Neuseeland ist datiert auf:
Frankfurt a.M. im Juli 1870.
Für den zweiten Teil, den Oberländer erarbeitete, wird angegeben:
Leipzig, im September 1870.
 
Beide Autoren haben das Buch nicht aus eigenem Erleben, über eigene Forschungen im Pazifik geschrieben, sie haben alle damals zur Verfügung stehenden einzelnen Quellen genutzt, um sie zusammenfassend als Buch zu publizieren. In gewisser Weise könnte man sagen dass dieses Werk heutiger populärwissenschaftlicher Literatur entspricht. Diese Kategorie war aber 1870 noch nicht bekannt. 


Die historischen Fakten sind in einigen Fällen überholt, aber generell ist das Werk eine seriöse Publikation und zitierfähig. Über die Osterinsel finden sich auf 6 Seiten Beschreibungen, die ich nirgends sonst gelesen habe. Ohne historische Quellen wäre Rongorongo-Forschung noch schwieriger.
Der Brief von Palmer an seine Frau, der 1870 als Artikel erschien, ist in dem Buch wörtlich übersetzt wiedergegeben. Auch über einen besonders schweren Fall von Vandalismus auf der Osterinsel wird berichtet:
 
„Leider hat Leutnant Rudolph von der französischen Fregatte „Flora“ am 5. Januar 1872 mehrere dieser interessanten Steindenkmäler zerstört, und was noch irgend brauchbar war, nach Frankreich verschleppt“.



 

Die Abbildung fand ich hier:
Le Mond Polynésien
Henri Mager
Paris 1902
Dieser Kopf entsprang dem Kopf eines französischen Zeichners, dem jemand vom Hörensagen über Steinköpfe auf der I’Ile de Pàques erzählte. Die Dame mit Wespentaille und Lorgnon (Stielbrille) wundert sich wohl, warum die dünnen Latten noch immer den für sie viel zu schweren Steinkopf tragen. Ein „märchenhaftes Bild“ von der Heimat der guten Wilden und der bekehrten Menschenfresser – hoffentlich! So gesehen und geschehen in Paris 1902. Mir ist nicht bekannt, dass der Kopf eines Moai nach Frankreich transportiert wurde, nach London dagegen sehr wohl.
Kein Federstrich an dieser Zeichnung lässt auch nur eine Ähnlichkeit mit den Köpfen der Moai erahnen. Dass der Zeichner sein Handwerk verstand, steht außer Frage. Die Perspektive und die Proportionen stimmen, der „Strich“ ist sicher und zeigt die Beherrschung der Feder oder des Griffels. Die Komposition ist gelungen.
In der gleichen Publikation fand ich eine Abbildung eines kleinen Ausschnitts aus dem  Santiagostab, diese:


 


Der Fachmann erkennt auf den ersten Blick, dass es sich hier um den einzigen erhaltenen Stab handelt, weil die kleinen vertikalen Kerben nur auf diesem Objekt vorkommen. Man muss aber die ca. 15.000 Zeichen „gespeichert“ haben, um zu erkennen, dass es ein Ausschnitt aus der 8. Zeile des Stabes ist (Nomenklatur Barthel).
Leider ist auf der Tübinger Replik des Santiagostabes, die mir zur Verfügung stand, ausgerechnet die 8. Zeile unlesbar, weil sie in der Naht der amateurhaften Abformung liegt und so gut wie keine Zeichen erkennbar sind.
Aber die Abschrift von Barthel zeigt alle Zeichen, die sich in der Abbildung natürlich nur schwer erkennen lassen. 
 


In den „References“ seines Buches (übrigens mehr als 700) listet Fischer auch den hier zitierten Christmann/Oberländer, den ich nun auch anführe mit folgendem Text:
 


Man vermutet, dass es die beiden in Santiago de Chile verwahrten Rongorongo-Tafeln seien könnten, also die Kleine und Große Santiagotafel. Welches Objekt die dritte von Christmann/Oberländer angeführte Tafel sein könnte, ist nicht bekannt. Auch bei Fischer fand ich diesbezüglich keine befriedigende Antwort.
Über den deutschen nach Chile ausgewanderten Direktor des dortigen Naturkunde-Museums, Prof. Philippi, ist nur anzumerken, dass er ein Wissenschaftler war „ohne Schimpf und Tadel“. Bereits zu seiner Zeit galt er als hochgeschätzter Fachmann. Nun lesen wir, dass die drei Rongorongo-Tafeln nach Einschätzung von Philippi aus dem Holz einer Edwardsia gewesen sein sollen. Das ist eine alte Bezeichnung für das Holz des Toromiro, eines endemischen Strauches oder kleinen Baumes auf der Osterinsel.
 
So nebensächlich sich eine solche Information liest, sie ist von allergrößter Bedeutung und zwar so wichtig, dass die Fehleinschätzung von Philippi bis heute unkorrigiert im Internet und anderen Publikationen zu lesen ist, dass nämlich die Tafeln aus dem Holz des Toromiro bestehen.  Die Theorie einer Osterinselschrift beruht auch darauf, dass die meisten Objekte aus dem Holz des Toromiro sein sollen, und dieser wuchs damals endemisch auf Rapanui. 

Das war ein durchaus überzeugendes Argument für die Herstellung der Tafeln auf der Osterinsel und damit auch, dass Rongorongo dort erfunden wurde. Selbst die bis dato wenigen Objekte, deren Material aus Treibhölzern besteht oder die noch nicht analysiert wurden, lassen den Rückschluss zu, dass die Osterinsel Tatort und (in vielen Fällen) auch Fundort gewesen sein könnte.
Wir verfügen heute über Untersuchungsmethoden, die vor dem zweiten Weltkrieg noch undenkbar waren. Alle Expertisen aller Kunsthistoriker und anderer Fachleute über ein plötzlich aufgetauchtes Meisterwerk z.B. aus der Renaissance sind in dem Moment Makulatur, in dem eine Assistentin in einem Labor Farbreste analysiert von Farben, die es zum Zeitpunkt der Herstellung des Bildes noch nicht gab. Dann ist Schluss mit lustig und die Experten sind wieder einmal in der verdammt miesen Rolle, sich verteidigen zu müssen, wobei die Verdrehung aller Tatsachen allen Experten auch nur kurze Zeit aus dem Dilemma hilft.
 
Obwohl es kein einziges Rongorongo-Objekt gibt, dass nach einer wissenschaftlich korrekten Untersuchung zweifelsfrei aus dem Holz des Toromiro besteht, wird die Legende künstlich aufrechterhalten. Weil das so ist, kann also die Theorie der alleinigen Herkunft der Objekte von der Osterinsel nicht mehr aufrechterhalten werden. Es gibt nun auch keinen vernünftigen Grund dafür, dass Rongorongo auf der Osterinsel entstanden sein muss. Was also ist zu tun? Ganz einfach, diesen Tatbestand verschweigen und weiterhin behaupten, was 150 Jahre galt.
 
Immerhin wissen wir nun, dass die dritte Tafel, von der gesprochen wurde, im annähernd gleichen Format sein musste, wie die beiden anderen, denn der Toromiro hatte eine maximale Wuchshöhe von 3 Metern und allerhöchstens 25 cm dicke Stämme, aus denen natürlich nur Tafeln in geringerer Breite hergestellt werden konnten. (Format Kleine Santiagotafel: Länge ca. 32 cm, Breite ca. 12 cm, Große Santiagotafel: Länge ca. 44,5 cm, Breite ca 11,6 cm). Pollenanalysen belegen, dass der Strauch bereits vor 35.000 Jahren auf der Osterinsel wuchs, aber nach einer Information von Georg Forster anlässlich der Cook Visite (1774) der Osterinsel, wohl schon nicht mehr vorkam.
Dass mit diesen Untersuchungen aus neuerer Zeit die Basis der Alleinstellung von Rongorongo auf der Osterinsel nicht mehr stimmt, passt nahtlos zu neuen amerikanischen Untersuchungen, in denen nachgewiesen werden konnte, dass weder Haizähne noch Obsidian oder Knochensplitter, noch irgendein anderes Werkzeug benutzt wurden, um alle kleinen Meisterwerke in hartes Holz zu kerben, sondern schlicht und einfach Messer. Aber auch darüber muss Stillschweigen bewahrt werden, weil sonst nicht einmal stimmt, was man über das Alter der Tafeln so alles glaubte behaupten zu dürfen. Katastrophal geradezu sind Unter-suchungsergebnisse einer französischen Botanikerin, die es wagte, das Alter des Holzes  eines Rongorongo-Objektes auf 80 Jahre vor seiner Entdeckung zu datieren, was für gewisse Forscher bedeuten würde
. . .  Weltuntergang, mehr aber nicht!
 
Christmann/Oberländer zeigen in ihrem Buch auch, was sie so bezeichneten:
„Es ist der Abdruck einer Holztafel, welcher der von Chile nach Rapanui gesandte Kapitän Gana von da mitgebracht hat“.

 

Für den ungeübten Betrachter sind die Zeichen nicht so ganz einfach zu erkennen. Ich habe deshalb die 11 fraglos echten Rongorongo-Zeichen von der ohnehin vergrößerten Abbildung am Lichtkasten durch-gezeichnet.

 1         2        3        4          5        6    7             8        9       10            11
 

Zur Besprechung hielt ich es für einfacher die Zeichen von 1 bis 11 zu markieren und nicht auf die um-ständliche Nomenklatur von Barthel umzusteigen.
Es gibt mehrere solcher Zeichenvorlagen in vielen alten Publikationen, von denen der Autor nicht näher angab auf welchem Objekt er sie fand. In der Regel ist das aber kein Problem, wenn man sich im Zeichenbestand auskennt. Deshalb kann ich auch verbindlich angeben, dass es die 11 Rongorongo-Zeichen in der gezeigten Abfolge auf keinem uns bekannten Dokument gibt.
Wir schreiben hier das Jahr 1873 und zu dieser Zeit lagen den beiden Autoren noch keine Abschriften anderer Objekte vor, weil diese z.T. noch gar nicht entdeckt waren.
Dass aber damals ein Mensch aus unserem Kulturkreis in der Lage war, sich Rongorongo-Zeichen auszudenken, kann kategorisch ausgeschlossen werden.
 
Der Leser möge bitte die Zeichen 1 und 8 näher ansehen. Unter den bekannten ca. 15.000 Zeichen gibt es keine Belegstelle dieser Zeichen in umgedrehter Form, sehr wohl aber aufrecht stehend. Es gibt wenige andere Zeichen im gesamten Zeichenbestand kopfüber in der Zeile. Somit sind 1 und 11 in diesem Zusammenhang keine neue Entdeckung. Die kopfstehenden Zeichen haben nichts mit der Anordnung bustrophedon zu tun, weil sie innerhalb einer Zeile stehen – wenn die Abzeichnung, die nach Angabe der Autoren ein „Abdruck“ sein soll, auch wirklich stimmt. Von der Information und der sachlichen Richtigkeit ist überhaupt nichts einzuwenden gegen kopfstehende Zeichen, eingereiht in ein Zeichenensemble. Sie machen Sinn – und das alleine ist der Zweck!

Wir sind immer noch im Jahr 1873 und zu der Zeit konnte man schlechte re-makes und gute Fälschungen noch nicht per mouse-click bestellen und per credit card im Voraus bezahlen. Fälschungen entstanden und entstehen immer erst dann, wenn sie einen beträchtlichen Gewinn versprechen. Gefälschte Rongorongo Objekte wurden aber erst etwa 10 Jahre nach Christmann/Oberländer in Tahiti, Hawai’i und noch auf anderen Inseln angeboten. Deshalb gehe ich davon aus, dass diese 11 Zeichen, die alle zu verstehen sind und fraglos zum Repertoire der Maori Rongorongo gehörten von einem echten Dokument abgenommen wurden. Deshalb gehe ich davon aus, dass die Abbildung auf der Grundlage eines echten Kohau Rongorongo basiert. Das Original ist nicht überliefert. Steven Fischer hatte jahrelang geforscht überall auf der Welt, wo sich Rongorongo-Artefakte befinden. Er hat die Vita der Objekte dokumentiert, wie niemand vor ihm. Barthels Angaben zu den Objekten erreichen nicht einmal das Niveau eines Hilfsschülers, im Vergleich zu dem, was Fischer eruierte und was Barthel zu 90% auch hätte herausfinden können.

Diese Dokumentation von Fischer muss anerkannt werden, denn, wenn irgendwann und irgendwo ein „Photo“ von einem Rongorongo-Objekt entstand, die „Platte“ entwickelt und Abzüge davon verteilt wurden, fand Fischer diese Jahrzehnte später und dokumentierte das lückenlos. Von jedem Objekt beschreibt er in seinem Buch den kompletten Lebenslauf, was gelegentlich verwirrend ist.
Es gibt also Fotografien, Abdrucke, Abgüsse, Abzeichnungen, Abformungen in Gips und Staniol, re-makes (und alte Fälschungen) verstreut über Museen in der ganzen Welt. Aber nur in wenigen Ausnahmen sind diese Vorlagen auch publiziert und wenn, dann in so schlechter Qualität, wie es damals eben nicht besser ging.
 
Es ist unbegreifbar, dass der amerikanische Forscher den total falschen Eindruck in voller Absicht vermittelt, dass mit diesen reichhaltig vorhandenen Kopien seriöse Forschung möglich war. Erst ab 1958 mit den Abschriften von Barthel hatte die Forschung Material, dass zumindest für Rongorongo-Forschung besser geeignet war, als alles bis dato vorhandene Material. Bis auf den heutigen Tag gibt es keine einzige zutreffende Abschrift – das ist das Ergebnis der ständigen Penetration der unentzifferbaren Osterinselschrift. Wozu sollen denn auch Kopien für viel Geld angefertigt werden, wenn die Fachleute doch einhellig der Meinung sind, dass Rongorongo unentzifferbar ist?
 
Ich kann mir aber gut vorstellen, das unter all diesen Materialien auch solche sind, die bisher nicht richtig erkannt wurden – oder das klassische Opfer musealer Falschbezeichnung wurden. Nicht in jedem Kästchen ist auch drin, was draufsteht. Fischer war leider nicht der Fachmann, der sich im Zeichenbestand Rongorongo auskennt. Er führt das Buch von Christmann/Oberländer an, hat aber in den 11 Zeichen nicht erkannt, was darin wirklich stecken könnte oder sogar wirklich steckt.
 
Nun sind schon fast 20 Jahre vergangen seit der Erscheinung des Buches, das nach der Selbsteinschätzung des Autors – und nur nach seiner – den großen Durchbruch in der Rongorongoforschung einleiten sollte. Fischers Buch ist „alter Wein in neuen Schläuchen“ – wenig  hat er herausgefunden, was nicht der kleinen Gruppe von Rongorongo-Forschern bekannt war. Er hat Details gefunden, die man noch nicht kannte. (Das ist zu wenig für den Tarzanschrei!) Das Ziel und die aktuelle Aufgabe der Forschung, nämlich die  Bedeutung dieser künstlerischen Zeichen herauszufinden, hat Fischer verfehlt. Nach seinem Buch wissen wir nicht mehr über die Bedeutung der Zeichen als vorher.
Bereits 1938 mit Heine-Geldern und seiner unhaltbaren Behauptung einer Osterinselschrift begann die Todesspirale der Rongorongo-Forschung. Barthel hatte ab 1958 bis 1988  umfangreiche Forschungen (9 Aufsätze) veröffentlicht, die nahtlos in die falsche Richtung von Heine-Geldern führten. Fischer hat den Leichnam Rongorongo nun beerdigt und eine konstruktive Arbeit mit den Zeichen nach seinem Verständnis und seiner Vorgehensweise unmöglich gemacht. Er dokumentiert, dass Rongorongo nur und ausschließlich von europäischen und amerikanischen Wissenschaftlern bearbeitet wurde, die das nur behauptete eurozentrische Wissensmonopol zum Maßstab der Forschung erklärten. Alles wird aus dieser Sicht gesehen und kommentiert.
Es besteht weltweit nur wenig Interesse daran, Rongorongo zu entziffern. Der Mythos einer unentzifferbaren Schrift ist werthaltiger für den Tourismus zur Osterinsel, als die Feststellung, dass die Forschung versagt hat und Rongorongo sehr wohl entzifferbar ist.
Alle Maler wissen es besser als jeder andere Mensch auf der Welt, dass „Kunst“ in allen seinen vielfältigen Formen einen Zeitgeist braucht, der sie zulässt, trägt und anerkennt. Selten geschieht das bereits zu Lebzeiten des Künstlers. In der Wissenschaft ist es ganz genau so! Wenn die derzeitige Ignoranz in der Forschung gegen einen neuen Ansatz  überwunden wird, der nicht von der unbewiesenen Behauptung „Schrift“ ausgeht, werden wir herausfinden, was Menschen im Pazifik notierten, um es der Nachwelt zu erhalten.



Unter diesem link finden Sie das Buch zu meinen Forschungen:

http://www.grin.com/de/e-book/317681/auf-goetterpfaden-ueber-den-pazifik-die-geschichte-der-vermeintlichen/?partner_id=1202373


 
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